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minimum 

photography


book published by Lars Müller

title minimum
hardcover, 138 pages in colours
price  65.- CHF + postage

order  lichtenberg@bluewin.chBook_selection.html
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doku rooms

to see at the Universitätsspital Basel-Stadt, Klinikum 1 West, 9 floors in the passagesminimum_rooms.html

Christian Lichtenbergs Arbeit trägt den Titel «Minimum». mit diesem vielteiligen Werkzyklus minimalistisch reduzierter Naturansichten bespielt er Korridore und Gebärsäle des Klinikums. für die Gebärsäle wählt er Ausschnitte von Wolken- und Wasserstrukturen. Die Wandhohen Aufnahmen sind plan in die Wandverkleidung eingelassen und hinterleuchtet. Die Helligkeit lässt sich anpassen, wodurch Himmel und Wasser in unterschiedlicher Tiefe und Stimmigkeit erscheinen.

In den Gängen zeigt Lichtenberg jeweils sechs horizontale, zwischen Plexiglas aufgezogene Fotografien, die Naturstrukturen unter-schiedlicher Farbigkeit und struktureller Gerichtetheit zeigen. Landschaftsbilder im weitesten Sinne, fehlt ihnen Räumlichkeit und Horizont. Der Ausschnitt wird jeweils so gewählt, dass die abzulichtende Natur - seien dies Wälder, Wiesen, Felder, Bäche, das Meer oder der Himmel - für den Betrachter ungewohnt abstrakt erscheinen. Der Blick geht direkt in die Baumkronen oder zeigt nur einen kurzen Abschnitt sonnenbeschienener oder moosbewachsener Baumstämme.

Es ist nicht auszumachen, welcher Wald hier aufgenommen wurde. Zu gleichförmig, zu sehr nur Struktur ist der gezeigte Ausschnitt. Die Blumen, Gräser und Halme der Wiesen und Felder sind so nahsichtig aufgenommen, als wäre man bäuchlings mittendrin gelegen. Und dennoch ist die Farbigkeit nicht ganz so, wie wir sie erwarten würden. Eher erinnern die zartvariierten Grüntöne an Stoffmuster. Die Bewegung des Wassers von Bergbächen hat sich im Bild so verfestigt, dass man sich bald an eine steinerne Oberfläche erinnert fühlt, bald an Eiskristalle. Dann wieder werden Wasseroberflächen so festgehalten, dass das Spiel von Licht und Schatten Strukturen offenbart, die ebensogut der Wind in Wüstensand hätte zeichnen können. Oder die Wasseroberfläche wird so gezeigt, dass die Spiegelungen darauf wie impressionistische Pinselstrukturen anmuten. Dann wieder verschiebt sich der Ausblick leicht nach oben, in diese diffuse Zone, wo Wasser in Himmel übergeht. Bezeichnend ist, dass auf diesen Bildern ein Horizont strikt vermieden wird. Schliesslich schwenkt der Blick ganz in den Himmel hinauf, ist Ausschnitt aus ewig ändernder Wolkenstruktur oder einfach nur ein tiefes Blau.

All diese Bilder zeigen Naturtexturen, wie wir sie so in der Regel nicht wahrnehmen, denn wir sehen sie nicht in diese Ausschliess-lichkeit, nicht so nah oder nicht so fern, nicht mit dieser Zeitlichkeit oder Farbigkeit. Da der Blick sich an keiner menschlichen Spur, an keinem Detail festhalten kann, tritt uns Natur hier als bewegtes Spiel von Licht, Schatten und Farbe entgegen, mehr Bildstruktur als gewachsene und gesehene Natur.

Die im Klinikum I gezeigten Werke von Christian Lichtenberg führen uns charakteristische Eigenschaften des Mediums Fotografie exemplarisch vor Augen: Ohne Anhaltspunkt zum Massstab des Gesehenen, können wir das von der Kamera Aufgenommene nur schwer identifizieren, kaum abschätzen, in welchem Grössenverhältnis es zum menschlichen Mass steht. Diese Bilder wurden nicht als Landschaftsbilder im Sinne eines Ausblicks mit perspektivischem Bildraum und Vorder- und Hintergrund konzipiert. eher könnte man in ihnen masslos vergrösserte Details eines Landschaftsbildes sehen. Die verwischte Spur der Bewegungen von Wasser oder Lichtreflexen wirken zuweilen wie Pinselstrukturen, so, wie der Kondensstreifen eines Flugzeuges am Himmel wie ein Pinselstrich erscheinen kann.

Fotografie ist hier Ausschnitt aus dem endlosen Kontinuum von Bildern, die zu sehen wären. Die Horizontalität des Bildformats und die Gleichförmigkeit des Abgebildeten fordern uns dazu auf, diese Naturstrukturen weiter zu denken, ins Unendliche zu ergänzen. Durch das gewählte Format und die extreme Beschnittenheit des Gezeigten vermitteln diese Bilder Weite und Offenheit. Der Künstler sieht sie als «japanische Fenster». Ähnlich wie Ausblicke aus japanischen Teehäusern zeigen seine Aufnahmen Natur in einem präzis ausgewählten Ausschnitt. Die menschenleeren Ansichten scheinbar unberührter Natur strahlen eine grosse Ruhe aus. Was sich an den Wänden des Klinikum I als fast makellose Struktur präsentiert ist aber dennoch so in der Natur gesehen worden. Die Reduziertheit ergibt sich aus der Beschneidung des Gesehenen und der Pose, dem Anhalten der Zeit. So entziehen sich die Bilder einer genauen Analyse und weisen über den Ort des Geschehens hinaus. Wie das japanische Haiku verweisen sie gerade durch diese reduzierte Form direkt auf sinnliche Empfindungen und dadurch auf die ewige Frage nach dem Werden, Wachsen, Vergehen.

Die Bilder in den Korridoren des Klinikum I gewinnen mit steigender Geschosshöhe an Künstlichkeit und Volatilität. Bezüglich Farbigkeit, Textur und Lichtspiel sind die subtil komponierten Bildfolgen zwar bewegt, erfahren aber niemals eine Steigerung. Im Gegenteil: Von den Waldstrukturen über die Gräser und Wasserstrukturen bis hin zu den Ausschnitten des Himmels im obersten Geschoss verzeichnen wir in den Bildern immer weniger Bewegung, bis sie sich sozusagen ins Ätherische auflösen.


Catherine Hürzeler