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commedia dell‘arte    Kroatien selection

Flirrend steht die Luft über dem heissen Asphalt. Am Horizont ballen und türmen sich schwarzbauchige Wolken zu einem mächtigen Gewitter über den Donauauen auf. Im meandernden Fluss, der überall seine grünalgigen Biotope und sumpfigen Tümpel hinterlassen hat, streckt ein fetter Fisch seinen Kopf aus dem Wasser, als sei er in Atemnot und wolle nach Luft schnappen. Einsam dreht ein Bussard am aufgeladenen Himmel seine Kreise und beobachtet mit scharfem Auge, was sich in den sommergelben Kornfeldern unter ihm tut. Vor mir liegt die Landschaft als gäbe es keine Menschen, als wäre der Raum nicht getränkt durch ihre Geschichten, ihre Trauer und ihre Hoffnungen. Doch ich weiss, diese Stille trügt.


Wie das sachte Zittern eines Silberbirkenblattes im Abendwind, sehe ich den Schmerz, den die freundlichen Menschen hinter ihren geschlossenen Augenlidern verbergen. Noch schwelt der Brand unter den blutigen Narben und hört man das dumpfe Grollen eines entfesselten Kriegsgottes in der nahen Ferne. Noch sind seine Insignien nicht beseitigt. Zerbombte und ausgebrannte Häuser, die wie faulende Zahnstummel aus der geschundenen Erde ragen. Hinterlistige Tretminen, die den zartgrün lockenden Wald in ein Sperrgebiet verwandelt haben. Sprengsätze hinter Schädeldecken, die noch immer jederzeit zwischen orthodoxen, katholischen und muslimischen Kontrahenden explodieren können. Wieviel Zeit braucht das Vergessen oder das Verzeihen?


Dies ist das Eine. Es erschüttert mich. Ich finde keine Sprache, um dieses lichtloseste Dunkel unseres Seins in Bildern ausdrücken zu können. Ohne Licht, keine Fotografie. Die Angst vor dieser Dunkelheit, macht sprachlos. Nicht nur mich. Ich respektiere dieses Verstummen und versuche,

trotz allem und eben auch typisch menschlich, wieder den Weg zu finden, der mich zu neuen und alten Glanzlichtern menschlicher Utopien führt. Oder sollte ich vielleicht sagen, der Aussicht aus alten Elfenbeintürmen?


Arboretum Trsteno. Ein botanischer Park mit einer Renaissance-Villa, geboren aus den Träumen eines humanistischen Gelehrten einer reichen Patrizierfamilie im 16. Jahrhundert, war so eine menschliche Utopie. Ihre physische Umsetzung diente dazu, dem Geist optimale Bedingungen zu dessen Entfaltung zu gewährleisten. Das Haus, die Verkörperung nach Innen, bot Rückzug, Einkehr und Einsicht. Der Garten, die Verkörperung nach Aussen, Lustwandel, Aussichten und die immer wieder überraschende Sicht in die Ferne, aus der das Neue und Unbekannte, offen empfangen wurde. Innen Konzentration, Aussen Weitsicht.


Federnden Schrittes auf knirschendem Kies, betrete ich den kühlschattigen Tunnel der mächtigen Platanenallee dieses Zaubergartens.

Vorbei an lauschigen Schmuseplätzen, dem Rascheln eines tanzenden Bambuswäldchen, dem dunklen Flaschengrün der wie Pfeilspitzen in den Himmel ragenden Zypressen, den gigantischen Stämmen alter Eichenherren, dem würzigen Duft von Thymian und Rosmarin, führt mich der Weg mitten ins Herz dieses labyrinthischen Anwesens. Dort, auf einer überdachten Terasse, hoch über dem glitzernden dalmatischen Meer, aus dem die bläulich leuchtenden Inseln des Elaphitischen Archipels ragen, findet der Nomade seine ersehnte Ruhe, das Zen-Herz sagt ha! und die Bilder

auf der Netzhaut tanzen wieder bunt gekleidet, ihren wilden Reigen.


Zurück im moosigen Grün, den taubenetzten Farnen und der Umarmung riesiger Äste, verschmilzt die Erinnerung an Vittorio de Sica’s Film

«die Gärten der Finzi Contini» mit dem Legato eines leise plätschernden Baches. Aber nein; denke ich in meinem Tagtraum, dies ist, obwohl die Gegenwart der Römer noch hinter jeder Ecke spürbar ist, nicht Italien. Dies ist Kroatien.


Endlich angekommen in diesem wunderbaren Arkadien der Inselwelten, entstehen die Bilder wieder wie von selbst. In den Pausen kühlt das kristallklare und azurblaue Meer den erhitzten Körper. Eine zärtlich sanfte Brise umschmeichelt die erotisierte Haut. Die leise Brandung in der Ferne verwandelt die träge Siesta in ein Delirium. Zeit und Raum lösen sich auf. Ab und zu schaut ein Römer, Kreuzritter oder Säulenheiliger durch’s offene Fenster. Aber das kennen wir ja schon und soll uns nicht weiter verwundern.


Dann, am Abend, wenn der Himmel lichterloh brennt und die aufgeregten Schwalben sich wie Flugstaffeln mit einem elektrisierenden Gezirpe in die Tiefe stürzen, ist es Zeit für Brot, Käse, Oliven, Rotwein und die «Gute-Nacht-Geschichten» der eigenen, phosphoriszierenden Phantasmagorien. Der nächtliche Besuch von Herrn Hitchcock (s. S. 105), der hier, wie man glaubt, eigentlich überhaupt nichts zu suchen hat, könnten Einige dem Wein zuschreiben. Dies wäre aber zu Kurz gefasst. Eher glaube ich, dass er als eine Art Traumbote auftauchte, um mir in Erinnerung zu rufen, wie nahe der Abgrund in uns vom Glück entfernt ist und wie kostbar es ist, dieses kurz in Händen halten zu können.



Kroatien im Sommer 2009

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commedia dell‘arte (Kroatien)
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