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commedia dell‘arte    budapest selection

Ohne Konzept, ausser diesem, mit offenen Sinnen wahr zu nehmen, gleite ich schlafwandelnd in die Stadt. Kein bestimmtes Ziel verfolgend, nur Impulsen, Stimmungen und den inneren Strömen der Eingebung gehorchend, tasten sich meine Augen behutsam über die von Erinnerungsspuren, schwarz gewordenen Hausfassaden. Überall modern Geschichten in dunkelfeuchten Hauseingängen. Nur das Tosen und Brausen des Verkehrs

auf den fernen Hauptstrassen, durchschneidet manchmal die dumpfhallige Stille der düsteren Hinterhöfe und bezeugt die Neuzeit.


Immer wieder schleiche ich mich wie ein Dieb in den fauligen Nischen und verkommenen Treppenhäusern der Altstadt herum. Ich belausche, was alte Frauen in einer fremden Sprache hinter verschlossenen Türen munkeln und spüre, wie sich die sumpfigen Klänge und geheimen Rythmen der Stadt mit dem Rauschen des Blutes in meinen Adern vermischen. Die Stadt bemächtigt sich meiner und ich will all das, was sie zu zeigen und

zu verbergen hat, in mich aufsaugen.


Alles was ich sehen kann, scheint aus einer fernen Zeit zu stammen und durch tausend Blicke und Hände abgegriffen, seine Geheimnisse hinter einer opaken Patina, zu verstecken. Doch trotz dieser brackigen Fremdheit und ihrer abgestandenen Eigenart, spüre ich den verborgenen und dunklen Strom der Gezeiten. Das Wesen des Geschehenen treibt sein Unwesen mit mir. Alles möchte an die Oberfläche und sich zeigen. Nichts scheint in diesem vibrierenden Geflecht von Energie und Wahrnehmung ohne Bedeutungen zu sein. Sobald ich jedoch etwas einfangen oder festhalten möchte, entzieht es sich meinem Zugriff und zerbröselt wie ein abgebrochenes Stück Verputz einer maroden Fassade, zwischen meinen Fingern. Das scheue Waldtier auf der Lichtung verschwindet im schützenden Unterholz, und ich stehe mit leeren Händen da.


Manchmal jedoch, wenn ich nichts mehr will und mit den Augen blinzle, bleibt aber doch ein Bild oder Klang in dem Geflecht meiner Netze und

den Fussangeln meiner Fallen, hängen. Nur jetzt aber keinen Eitelkeiten verfallen! Es ist alles geschenkt, oder vielleicht auch nur dem Resultat der im Laufe des Lebens angesammelten neuronalen Mustern meines Gehirns zu verdanken, dass diese Schnipsel dort hängen-geblieben sind.


Abends in der Dämmerung, wenn ich im Halbschatten der eleganten Leere in der schönen Altstadtwohnung, diese kleinen Fang- und Beuteteilchen auf den Labtop lade, schimmern einzelne davon auf der Bildschirmfläche, wie Polarlichter in oszillierenden Farben nochmals kurz auf. Es scheint so, als buhlten sie um meine Aufmerksamkeit oder als wollten sie mir sagen, wie sie meine Träume im Schlaf begleiten würden.


Das leise Brummen der Stadt hinter den verschlossenen Fenstern, erzeugt eine Art klingende Stille, die meine wilden Gedanken allmählich besänftigt. Die Klarheit der minimalen Klänge von Alva Noto und Ryuichi Sakamoto, lösen das seltsame Flackern der Schimären in meinen müden Augen auf und begleiten mich in einen ruhigen Schlaf.


Nach wochenlanger Feldforschung, dem Sammeln von Fragmenten und dem Nichtwissen von dem was ich da eigentlich tue, verdichten und fügen sich die Einzelteile langsam zu einem grossen Ganzen, zusammen. Die Idee der Inszenierung eines absurden Welttheaters, dessen Regisseur sich der Stadt als Kulisse, der Dinge als Requisiten und der Menschen als Schauspieler und Statisten bedient, um sie in einer Art Rennaissance-Tableau seinen eigenen Vorstellungen folgend neu zu formieren, ist geboren.


Dieser Idee folgend sind so, zumindest in der Hoffnung des Autors, poetische, skurile, melancholische und humorvolle Geschichten entstanden. Dass deren Protagonisten wohl selber nie geträumt hätten, welcher Intention sie einmal dienen würden, lässt sich nur damit rechtfertigen, dass all diese Bilder eigentlich nur eines wollen, nämlich dieser in die Jahre gekommenen, alten und ehrwürdigen Dame «Budapest», so lange sie noch

so ist, wie sie ist, eine liebevolle Ode zu singen.


An Stelle der Vorstellung, dass diese Ode (Fotografie) so etwas wie Wirklichkeit darstellen sollte, plädieren die Bilder eher für eine Welt

voll bunter Tagträume und wild fabulierender Fantasien. Sie überlassen das Glatteis der sogenannten Realität, lieber denen, die meinen zu wissen, was diese sei und zelebrieren statt dessen, ein freches Theater der Hirngespinste oder eben, eine Commedia dell’arte.



Budapest im Frühling 2009

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